Mittwoch, 13. Mai 2026

Brief von Wilhelm Müller

18. Oktober 1870

Meine innigst geliebte Elise,

ich finde in dieser regnerischen Stunde endlich einige ruhige Minuten, um Dir zu
schreiben. Seit Tagen ziehen wir durch das Elsass, und ich kann mich nicht
entsinnen, jemals ein trübsinnigeres Land gesehen zu haben. Der Himmel hängt tief
über den Wäldern, und ein kalter Regen fällt ohne Unterlass auf die Wege und
Felder.

Heute erhielten wir den Befehl, ein abgelegenes Dorf nahe der Wälder
aufzusuchen und die Umgebung auszukundschaften. Man vermutet dort
versprengte Franzosen oder anderes Gesindel. Dennoch scheint mir, als
verschweige man uns etwas. Die Bauern, denen wir begegneten, wollten kaum
sprechen. Einer von ihnen bekreuzigte sich sogar, als unser Ziel erwähnt wurde,
und sah dabei aus, als hätte er einen Geist erblickt. Es mag törichter Aberglaube
sein, wie man ihn hier auf dem Land häufig antrifft, doch ich gestehe Dir offen, dass
mir seitdem ein sonderbares Unbehagen geblieben ist.

Unser Kommando führt Leutnant von Falkenberg. Ich glaube nicht, jemals
einem Offizier seines Schlages begegnet zu sein. Er ist ein stiller und sehr
gebildeter Mann, stets höflich und von großer Beherrschung. Selbst im Regen und
Schmutz wirkt er beinahe, als gehöre er nicht recht in diesen Krieg. Die Männer
vertrauen ihm, weil er niemals laut wird und auch in schwierigen Augenblicken eine
merkwürdige Ruhe bewahrt. 

Und doch meine ich manchmal, dass selbst Herr von Falkenberg heute
nachdenklicher wirkt als gewöhnlich. Vorhin stand er lange schweigend am
Waldrand und blickte hinüber zu den dunklen Hügeln, hinter denen unser Ziel
liegen soll. Vielleicht bilde ich mir dies nur ein. Der Krieg macht einen empfänglich
für düstere Gedanken.

Bald brechen wir auf. Sollte Gott gnädig sein, werde ich Dir schon in wenigen
Tagen wieder schreiben. Bis dahin trage ich Dein Bild bei mir und denke in jeder
stillen Stunde an unser gemeinsames Zuhause.

In treuer Liebe
Dein Wilhelm Müller

Anmerkung:
Der Brief sowie das beiliegende Lichtbild wurde im November 1870 von Forstarbeitern nahe der elsässische Grenze aufgefunden. Die Gegenstände lagen zwischen Laub und verwitterten Textilfetzen.



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