November 1872
Es rann in dünnen Fäden über die schmutzigen Fensterscheiben der billigen Schenke. In einer
dunklen Ecke saß ein junger Elsässer namens Étienne, den Kragen seines abgetragenen Mantels hochgeschlagen. Er beobachtete, wie draußen sich der kalte Regen mit Pferdemist und Kohlenruß über die Straßen von Straßburg vermischte. Das Gelächter und Murmeln der anderen Gäste war rau und vulgär. Vor ihm stand ein fast leeres Glas mit abgestandenem Bier. Unter dem Tisch hielt er ein längliches Paket fest umklammert, in vergilbtes Zeitungspapier gewickelt und mit einer dünnen Schnur verschnürt. Es fühlte sich schwerer an, als es sollte. Er strich mit dem Daumen über die feuchten Papierkanten und starrte ins Nichts, als er über die vergangenen Ereignisse nachdachte. Seit drei Tagen hatte er kaum geschlafen, um genau zu sein seit Luc verschwunden war.
dunklen Ecke saß ein junger Elsässer namens Étienne, den Kragen seines abgetragenen Mantels hochgeschlagen. Er beobachtete, wie draußen sich der kalte Regen mit Pferdemist und Kohlenruß über die Straßen von Straßburg vermischte. Das Gelächter und Murmeln der anderen Gäste war rau und vulgär. Vor ihm stand ein fast leeres Glas mit abgestandenem Bier. Unter dem Tisch hielt er ein längliches Paket fest umklammert, in vergilbtes Zeitungspapier gewickelt und mit einer dünnen Schnur verschnürt. Es fühlte sich schwerer an, als es sollte. Er strich mit dem Daumen über die feuchten Papierkanten und starrte ins Nichts, als er über die vergangenen Ereignisse nachdachte. Seit drei Tagen hatte er kaum geschlafen, um genau zu sein seit Luc verschwunden war.
Luc war immer der Mutigere von ihnen gewesen oder der Dümmere, Étienne wusste inzwischen nicht mehr, wo der Unterschied lag.
Es hatte in einer kleinen Buchhandlung begonnen. Der halb betrunkene Antiquar hatte ihnen von einem verbotenen Werk erzählt, das einst einem gewissen Conte d’Erlette gehört haben sollte. Ein Name, den Étienne nie zuvor gehört hatte, den Luc aber sofort mit glänzenden Augen aufgenommen hatte. Der alte Antiquar behauptete, das Buch sei während der Revolution verschwunden und später heimlich von Mönchen irgendwo in einer verlassenen Abtei versteckt worden. In den folgenden Tagen hatten sie Nachforschungen angestellt. Sie bestachen einen ehemaligen Kirchenschreiber mit billigem Wein, durchsuchten alte Aufzeichnungen und lauschten dem Gerede alter Bauern in den Tavernen, und immer wieder fiel derselbe Name.
Saint-Vigile.
Eine verfallene Abtei tief in den Wäldern westlich von Colmar. Schon der Weg dorthin hatte Étienne Unbehagen bereitet. Das Rascheln der Blätter in den Bäumen, als sie durch den Wald marschierten, klang wie eine Warnung. Die Abtei selbst ragte wie ein verwester Kadaver aus dem Nebel empor, mit ihren zerbrochenen Fenstern und eingestürzten Mauern. Im Inneren roch alles nach feuchtem Stein, Schimmel und abgestandenem Wasser. Ihre Laternen warfen flackernde Schatten über verblasste Fresken und zerfallene Heiligenstatuen. Je tiefer sie in die Ruine vorgedrungen waren, desto stärker wurde der Geruch nach Schimmel, feuchter Erde und etwas Süßlichem, das Étienne nicht benennen konnte.
Luc hatte sich mit fiebriger Entschlossenheit durch die verlassenen Gänge bewegt. Immer wieder war er stehen geblieben, um verblasste Zeichen an den Mauern oder halb verwitterte Inschriften zu betrachten. Étienne hingegen wurde mit jedem Schritt unruhiger. Die bedrückende Stille der Abtei hatte schwer auf ihm gelastet, unterbrochen nur vom Rascheln ihres Mantelstoffes und dem entfernten Echo tropfenden Wassers. Als sie einen schmalen Gang erreicht hatten, waren sie erstmals ernsthaft aneinandergeraten. Étienne hatte umkehren wollen, doch Luc hatte sie immer weiter in die Tiefe gedrängt, besessen von der Vorstellung, das verborgene Werk tatsächlich zu finden. Lucs Ehrgeiz hatte beinahe krankhaft gewirkt, während Étienne zunehmend das Gefühl gehabt hatte, dass etwas in den dunklen Gängen auf sie wartete.
Schließlich hatten sie hinter einer eingestürzten Kapelle eine kleine Krypta gefunden, deren Wände von verwitterten Fresken bedeckt gewesen waren. In ihrer Mitte hatte ein schwerer Sarkophag aus Stein gestanden. Gemeinsam hatten sie den Deckel zur Seite geschoben. Im Inneren hatte kein Leichnam gelegen, sondern nur ein einzelnes Buch. Während Luc vollkommen in die Schrift des Buches versunken war, hatte sich die Stimmung in der Krypta schlagartig verändert. Ein kalter Luftzug war durch den Raum gestrichen und hatte die Flamme ihrer Laterne heftig flackern lassen. Irgendwo in den Gängen war ein leises Schleifen zu hören gewesen, als bewege sich etwas langsam über Stein.
Dann erlosch plötzlich die Flamme und für einige Sekunden herrschte vollständige Dunkelheit. Étienne hörte hastige Schritte, ein dumpfes Scharren und etwas, das wie ein leises Flüstern geklungen hatte. Als die Laterne wieder aufgeflammt war, war Luc verschwunden. Es hatte weder eine Spur eines Kampfes gegeben noch Fußabdrücke. Nur das Buch hatte mitten auf dem Boden der Krypta gelegen und irgendwo tief in der Abtei hatte ein fernes, unmenschliches Geräusch widergehallt.
Étienne hob langsam den Blick aus seinen Erinnerungen, als plötzlich jemand vor seinem Tisch stehen blieb.
Ein preußischer Offizier.
Der Mann trug einen langen dunklen Mantel über seiner Uniform. Regenwasser tropfte von den Lederhandschuhen auf den Holzboden. Sein Gesicht war schmal und blass, die Haltung aufrecht und kontrolliert. Der Offizier setzte sich wortlos ihm gegenüber.
„Sie haben etwas für mich“, sagte er schließlich in beinahe akzentfreiem Französisch.
Étiennes Hand verkrampfte sich unter dem Tisch um das Paket. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
Der Offizier musterte ihn schweigend. Dann zog er langsam eine kleine Lederbörse hervor und legte sie auf den Tisch. Der Klang der Münzen war schwer und voll.
„Das Buch“, sagte er ruhig, nahm seine durchnässten Handschuhe ab und legte sie sorgfältig neben die Lederbörse. Für einen Moment schwieg er, während draußen der Regen gegen die Scheiben trommelte.
„Sie haben hineingesehen“, sagte er schließlich.
Étienne wich seinem Blick aus. „Nur kurz.“
Der junge Elsässer spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. „Was ist dieses Buch überhaupt?“
Der Preuße lehnte sich leicht zurück. Das flackernde Licht der Lampe ließ die harten Linien seines Gesichts noch schärfer wirken. „Ein Werk, das längst hätte vernichtet werden sollen.“
Étienne presste die Hände gegeneinander.„Mein Freund ist verschwunden, seit wir es gefunden haben.“
Zum ersten Mal veränderte sich der Ausdruck des Offiziers. Kein Mitgefühl, eher etwas wie düstere
Gewissheit. „Dann ist er vermutlich bereits verloren.“
„Verloren?“ Étiennes Stimme wurde lauter. Einige Gäste blickten kurz herüber. „Was soll das heißen?“
Der Offizier senkte den Blick auf das Paket. „Es gibt Orte, an denen gewisse Dinge schlafen sollten.“
Für einen Moment glaubte Étienne, unter dem Ärmel des Offiziers einen Verband zu erkennen, wo etwas tief in die Seite geschnitten haben musste. Er schob ihm das Paket wortlos zu und der Preuße nahm es vorsichtig an, beinahe respektvoll. Dann drehte sich der Offizier um und verschwand ohne ein weiteres Wort im Regen vor der Schenke.
Étienne blieb noch lange regungslos sitzen. Erst als der Wirt begann, die Stühle hochzustellen, zwang er sich aufzustehen und hinauszugehen. Die Straßen von Straßburg waren fast leer. Regen rann immer noch über Dächer und vermischte sich mit dem Schlamm. Étienne zog den Mantel enger um sich und beschleunigte seine Schritte.
Dann hörte er es, ganz leise, hinter sich. „Étienne…“
Er blieb abrupt stehen. Die Stimme war zwar vertraut, doch irgendwie falsch. Langsam drehte er sich um. Die Gasse hinter ihm war leer, nichts weiter als Regen. Dann hörte er es erneut, diesmal näher hinter ihm.
„Étienne… warum hast du mich dort gelassen?"

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