Mittwoch, 13. Mai 2026

Das Buch von Saint-Vigile

 

November 1872

Es rann in dünnen Fäden über die schmutzigen Fensterscheiben der billigen Schenke. In einer
dunklen Ecke saß ein junger Elsässer namens Étienne, den Kragen seines abgetragenen Mantels hochgeschlagen. Er beobachtete, wie draußen sich der kalte Regen mit Pferdemist und Kohlenruß über die Straßen von Straßburg vermischte. Das Gelächter und Murmeln der anderen Gäste war rau und vulgär. Vor ihm stand ein fast leeres Glas mit abgestandenem Bier. Unter dem Tisch hielt er ein längliches Paket fest umklammert, in vergilbtes Zeitungspapier gewickelt und mit einer dünnen Schnur verschnürt. Es fühlte sich schwerer an, als es sollte. Er strich mit dem Daumen über die feuchten Papierkanten und starrte ins Nichts, als er über die vergangenen Ereignisse nachdachte. Seit drei Tagen hatte er kaum geschlafen, um genau zu sein seit Luc verschwunden war.

Luc war immer der Mutigere von ihnen gewesen oder der Dümmere, Étienne wusste inzwischen nicht mehr, wo der Unterschied lag.

Es hatte in einer kleinen Buchhandlung begonnen. Der halb betrunkene Antiquar hatte ihnen von einem verbotenen Werk erzählt, das einst einem gewissen Conte d’Erlette gehört haben sollte. Ein Name, den Étienne nie zuvor gehört hatte, den Luc aber sofort mit glänzenden Augen aufgenommen hatte. Der alte Antiquar behauptete, das Buch sei während der Revolution verschwunden und später heimlich von Mönchen irgendwo in einer verlassenen Abtei versteckt worden. In den folgenden Tagen hatten sie Nachforschungen angestellt. Sie bestachen einen ehemaligen Kirchenschreiber mit billigem Wein, durchsuchten alte Aufzeichnungen und lauschten dem Gerede alter Bauern in den Tavernen, und immer wieder fiel derselbe Name.

Saint-Vigile.

Eine verfallene Abtei tief in den Wäldern westlich von Colmar. Schon der Weg dorthin hatte Étienne Unbehagen bereitet. Das Rascheln der Blätter in den Bäumen, als sie durch den Wald marschierten, klang wie eine Warnung. Die Abtei selbst ragte wie ein verwester Kadaver aus dem Nebel empor, mit ihren zerbrochenen Fenstern und eingestürzten Mauern. Im Inneren roch alles nach feuchtem Stein, Schimmel und abgestandenem Wasser. Ihre Laternen warfen flackernde Schatten über verblasste Fresken und zerfallene Heiligenstatuen. Je tiefer sie in die Ruine vorgedrungen waren, desto stärker wurde der Geruch nach Schimmel, feuchter Erde und etwas Süßlichem, das Étienne nicht benennen konnte.

Luc hatte sich mit fiebriger Entschlossenheit durch die verlassenen Gänge bewegt. Immer wieder war er stehen geblieben, um verblasste Zeichen an den Mauern oder halb verwitterte Inschriften zu betrachten. Étienne hingegen wurde mit jedem Schritt unruhiger. Die bedrückende Stille der Abtei hatte schwer auf ihm gelastet, unterbrochen nur vom Rascheln ihres Mantelstoffes und dem entfernten Echo tropfenden Wassers. Als sie einen schmalen Gang erreicht hatten, waren sie erstmals ernsthaft aneinandergeraten. Étienne hatte umkehren wollen, doch Luc hatte sie immer weiter in die Tiefe gedrängt, besessen von der Vorstellung, das verborgene Werk tatsächlich zu finden. Lucs Ehrgeiz hatte beinahe krankhaft gewirkt, während Étienne zunehmend das Gefühl gehabt hatte, dass etwas in den dunklen Gängen auf sie wartete.

Schließlich hatten sie hinter einer eingestürzten Kapelle eine kleine Krypta gefunden, deren Wände von verwitterten Fresken bedeckt gewesen waren. In ihrer Mitte hatte ein schwerer Sarkophag aus Stein gestanden. Gemeinsam hatten sie den Deckel zur Seite geschoben. Im Inneren hatte kein Leichnam gelegen, sondern nur ein einzelnes Buch. Während Luc vollkommen in die Schrift des Buches versunken war, hatte sich die Stimmung in der Krypta schlagartig verändert. Ein kalter Luftzug war durch den Raum gestrichen und hatte die Flamme ihrer Laterne heftig flackern lassen. Irgendwo in den Gängen war ein leises Schleifen zu hören gewesen, als bewege sich etwas langsam über Stein.

Dann erlosch plötzlich die Flamme und für einige Sekunden herrschte vollständige Dunkelheit. Étienne hörte hastige Schritte, ein dumpfes Scharren und etwas, das wie ein leises Flüstern geklungen hatte. Als die Laterne wieder aufgeflammt war, war Luc verschwunden. Es hatte weder eine Spur eines Kampfes gegeben noch Fußabdrücke. Nur das Buch hatte mitten auf dem Boden der Krypta gelegen und irgendwo tief in der Abtei hatte ein fernes, unmenschliches Geräusch widergehallt.

Étienne hob langsam den Blick aus seinen Erinnerungen, als plötzlich jemand vor seinem Tisch stehen blieb.

Ein preußischer Offizier.

Der Mann trug einen langen dunklen Mantel über seiner Uniform. Regenwasser tropfte von den Lederhandschuhen auf den Holzboden. Sein Gesicht war schmal und blass, die Haltung aufrecht und kontrolliert. Der Offizier setzte sich wortlos ihm gegenüber.

„Sie haben etwas für mich“, sagte er schließlich in beinahe akzentfreiem Französisch.

Étiennes Hand verkrampfte sich unter dem Tisch um das Paket. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“

Der Offizier musterte ihn schweigend. Dann zog er langsam eine kleine Lederbörse hervor und legte sie auf den Tisch. Der Klang der Münzen war schwer und voll.

„Das Buch“, sagte er ruhig, nahm seine durchnässten Handschuhe ab und legte sie sorgfältig neben die Lederbörse. Für einen Moment schwieg er, während draußen der Regen gegen die Scheiben trommelte.

„Sie haben hineingesehen“, sagte er schließlich.

Étienne wich seinem Blick aus. „Nur kurz.“

Der junge Elsässer spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. „Was ist dieses Buch überhaupt?“

Der Preuße lehnte sich leicht zurück. Das flackernde Licht der Lampe ließ die harten Linien seines Gesichts noch schärfer wirken. „Ein Werk, das längst hätte vernichtet werden sollen.“

Étienne presste die Hände gegeneinander.„Mein Freund ist verschwunden, seit wir es gefunden haben.“

Zum ersten Mal veränderte sich der Ausdruck des Offiziers. Kein Mitgefühl, eher etwas wie düstere
Gewissheit. „Dann ist er vermutlich bereits verloren.“

„Verloren?“ Étiennes Stimme wurde lauter. Einige Gäste blickten kurz herüber. „Was soll das heißen?“

Der Offizier senkte den Blick auf das Paket. „Es gibt Orte, an denen gewisse Dinge schlafen sollten.“

Für einen Moment glaubte Étienne, unter dem Ärmel des Offiziers einen Verband zu erkennen, wo etwas tief in die Seite geschnitten haben musste. Er schob ihm das Paket wortlos zu und der Preuße nahm es vorsichtig an, beinahe respektvoll. Dann drehte sich der Offizier um und verschwand ohne ein weiteres Wort im Regen vor der Schenke.

Étienne blieb noch lange regungslos sitzen. Erst als der Wirt begann, die Stühle hochzustellen, zwang er sich aufzustehen und hinauszugehen. Die Straßen von Straßburg waren fast leer. Regen rann immer noch über Dächer und vermischte sich mit dem Schlamm. Étienne zog den Mantel enger um sich und beschleunigte seine Schritte.

Dann hörte er es, ganz leise, hinter sich. „Étienne…“

Er blieb abrupt stehen. Die Stimme war zwar vertraut, doch irgendwie falsch. Langsam drehte er sich um. Die Gasse hinter ihm war leer, nichts weiter als Regen. Dann hörte er es erneut, diesmal näher hinter ihm.

„Étienne… warum hast du mich dort gelassen?"

Das Schweigen im Regen

 


Oktober 1870.

Der kalte Regen fiel über das Elsass wie ein düsteres Omen, schwer und lautlos, als kündige er ein namenloses Unheil an. Mit ruhigen und entschlossenen Augen führte Leutnant Viktor von Falkenberg seine zwölf Mann zu Fuß durch den schlammigen Pfad nach Saint-Loup. Sein dunkles Haar war sorgfältig unter der Pickelhaube zurückgekämmt, die Uniform trotz des Drecks noch immer von strenger Autorität erfüllt. Er sprach leise und höflich wie ein Mann, dessen Seele aus Lyrik und preußischem Stahl bestand.

„Dorf voraus“, meldete Unteroffizier Müller gedämpft. „Sieht verlassen aus.“

„Formation halten, Bajonette auf und keine unnötigen Geräusche“, antwortete Falkenberg
ruhig.

Die Männer stapften in die enge Gasse. Die Häuser lehnten sich schief aneinander, ihre Fenster offen und schwarz wie leere Augenhöhlen. Ein schwerer, süßlich-fauliger Geruch hing reglos in der Luft. Kein Laut war zu hören außer dem monotonen Tropfen des Regens auf dem schlammigen Boden. Beim Durchsuchen der ersten Gebäude nach möglichen Feinden machten die Männer einen makabren Fund. In einer der Stuben lagen die aufgerissenen und halb gefressenen Leichen einer Familie. Die Männer verstummten sofort, manche bekreuzigten sich hastig.

„Weiter“, sagte Falkenberg. „Wir sind nicht hier, um zu beten.“

Falkenberg teilte die Männer in kleine Gruppen auf, er selbst blieb in der Mitte der Gasse stehen, Pistole und Säbel griffbereit. Die Ersten, die verschwanden, waren Krause und Roth, als sie zum Stall gingen. Es gab nur ein kurzes Scharren, dumpf und hastig, dann verschlang die Stille jedes weitere Geräusch. Dann folgte der Nächste, als Westhuus aus dem Backhaus aufschrie. Die Männer rissen die Tür auf, doch dort lag nur noch ein blutiger Stiefel und eine Spur schwarzer Flecken, die nach Verwesung rochen. Die Soldaten wurden nervös und manche begannen lauter zu sprechen, als wollten sie die bedrückende Stille vertreiben. Falkenberg hob nur ruhig die Hand, um sie zu unterbrechen.

„Ruhig bleiben, meine Herren. Durchsucht das Dorf weiter und meldet sofort jede
Unstimmigkeit.“

Die Männer befolgten seine Befehle, doch einer nach dem anderen verschwand. Mal vernahm man ein ersticktes Gurgeln aus einem Keller, mal fand man nur einen leeren Helm, der verlassen in einer reglosen Pfütze trieb. Das Dorf schien die Männer lautlos zu verschlingen, während der Regen in dünnen Fäden über die Dächer rann und sich in schlammigen Pfützen sammelte. Falkenberg bewegte sich langsam durch die Gasse, jeder Schritt kontrolliert, jeder Blick wachsam. Von den zwölf Männern waren nur noch vier übrig. Unteroffizier Müller hielt sein Gewehr so fest, dass seine Hände zitterten. Dann erklang die Glocke der kleinen Dorfkapelle mit einem einzelnen tiefen und hohlen Schlag.

„Herr Leutnant…“, flüsterte Müller. „Die Kapelle war doch leer.“

Falkenberg antwortete nicht sofort. Sein Blick ruhte auf dem dunklen Gebäude am Ende des Platzes.
„Wir sehen nach“, sagte er schließlich ruhig.

Die verbliebenen Soldaten folgten ihm widerwillig über den Platz. Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen der Geruch nach Moder und altem Blut entgegen. Das fahle Licht ihrer Laternen glitt über verwitterte Heiligenfiguren, deren Gesichter vom Schimmel zerfressen waren. Wasser tropfte irgendwo in der Dunkelheit in gleichmäßigem Rhythmus auf irgendeinen Stein. Falkenberg trat zuerst ein, hinter ihm folgten Müller, Weber und der junge Gefreite Adler, dessen bleiches Gesicht kaum älter wirkte als das eines Schuljungen. Die Tür fiel hinter ihnen langsam ins Schloss.

Adler fuhr herum. „Herr Gott…“

„Still“, befahl Falkenberg scharf.

Der Innenraum der kleinen Kapelle war schmal und niedrig. Die Bänke standen schief, manche umgestürzt, als hätte hier eine panische Flucht stattgefunden.

 „Laterne vor“, befahl er mit ruhiger Stimme.

Die Laterne warf ihr zitterndes Licht über dunkle, nasse Schleifspuren am Boden. Falkenberg ging voran, die Pistole in der einen, den Säbel in der anderen Hand. Müller und Weber folgten dichtauf, Adler bildete den Schluss, sein Atem ging stoßweise und viel zu laut. In einem Nebenraum befand sich ein schmaler, steinerner Abgang in die Tiefe. Die Stufen waren ausgetreten, die Wände mit schwarzem Schimmel überzogen. Der Geruch wurde stärker, süßlich, wie altes Fleisch, das zu lange in der Wärme gelegen hatte.

„Herr Leutnant, das ist kein Keller…“, flüsterte Müller. Seine Stimme brach.

„Weiter“, antwortete Falkenberg nur.

Sie stiegen hinab. Das Tropfen des Wassers wurde lauter, vermischte sich mit einem anderen, feuchteren Laut, ein leises Schmatzen und ein Knirschen von Knochen unter Zähnen. Am Fuß der Treppe lag der Rest von Krause. Oder das, was einmal Krause gewesen war. Die Uniform war aufgerissen, als hätte etwas Großes und Geduldiges ihn in aller Ruhe ausgeweidet. Im selben Augenblick schoss etwas aus der Dunkelheit hervor. Es gab keinen Schrei oder Brüllen, nur ein rasches, nasses Gleiten. Es packte Weber an den Beinen und zog ihn rückwärts in einen Seitengang. Er hatte noch Zeit für einen halben Schrei, dann war er fort. Müller feuerte einen ohrenbetäubenden Schuss in das enge Gewölbe. Für einen
Sekundenbruchteil beleuchtete das Mündungsfeuer etwas Großes, Bleiches, das sich auf zwei Gliedmaßen bewegte. Dann war es wieder verschwunden.

„Zurück!“, rief Falkenberg. 

Seine Stimme klang ruhig und fast höflich, als riefe er Übungsbefehle auf einem Kasernenhof. Adler drehte sich um und rannte. Er kam drei Schritte weit. Etwas fiel von der Decke herab, lang und dünn wie ein nasser Vorhang. Es wickelte sich um seinen Hals und riss ihn nach
oben. Der Junge strampelte noch einmal, dann knackte es leise, und er hing still. Nur noch Müller und Falkenberg. Sie stürmten die Treppe hinauf. Müller erreichte die Tür der Kapelle als Erster.

„Herr Leutnant…“ Müllers Augen waren weit aufgerissen. „Die Tür ist verriegelt... Es will uns hier unten haben.“

Falkenberg antwortete nicht. Er trat neben ihn, hob die Pistole und schoss zweimal in das
Schloss. Splitter flogen. Beim dritten Schuss sprang die Tür einen Spalt auf. Etwas kam rasselnd die Treppe herauf. Müller drehte sich um und feuerte sein Gewehr ab, einmal, zweimal. Dann traf ihn ein Hieb, der ihn gegen die Wand schleuderte. Sein Kopf schlug mit einem nassen Laut auf Stein. Er rutschte langsam zu Boden, die Augen noch offen, aber leer. Falkenberg stand allein. Er sah es jetzt deutlich, etwas Altes, das im Elsass gewartet hatte, lange vor den Franzosen und den Preußen. Es hätte ein Mensch sein können, doch es hatte bleiche, feuchte Haut mit zu viele Gelenke. Falkenberg hob seinen Säbel. Die Klinge blitzte im Laternenlicht, als der erste Hieb eines der Gliedmaßen abtrennte. Schwarzes, zähes Blut spritzte, als das Wesen zischen auf den Leutnant sprang. Falkenberg spürte, wie etwas Scharfes seine Seite aufriss, tief bis auf die Rippen. Er entleerte seine Pistole in das Gesicht des Dings, drehte sich um und warf sich gegen die Tür.

Er taumelte hinaus in den Regen. Hinter ihm drang ein Kreischen aus der Kapelle, hoch
und unmenschlich. Falkenberg rannte nicht. Er ging, Schritt für Schritt, die Hand auf die
blutende Wunde gepresst. Der Säbel hing schlaff in seiner Rechten, die Spitze zog eine dünne Furche durch den Schlamm. Hinter ihm verstummte das Dorf wieder. Nur der Regen fiel weiter, schwer und lautlos. Am Rand von Saint-Loup, wo der Pfad in den Wald führte, brach Leutnant Viktor von Falkenberg in die Knie. Sein dunkles Haar klebte ihm im Gesicht, die Pickelhaube war längst verloren. Blut rann ihm zwischen den Fingern hindurch und mischte sich mit dem Regenwasser.

Mit ruhigen, entschlossenen Augen starrte er zurück auf die dunklen Häuser, deren Fenster wie leere Augenhöhlen waren. Dann stand er langsam auf, wischte den Säbel am Ärmel ab und setzte seinen Weg fort, allein, durch den kalten Oktoberregen.

Brief von Wilhelm Müller

18. Oktober 1870

Meine innigst geliebte Elise,

ich finde in dieser regnerischen Stunde endlich einige ruhige Minuten, um Dir zu
schreiben. Seit Tagen ziehen wir durch das Elsass, und ich kann mich nicht
entsinnen, jemals ein trübsinnigeres Land gesehen zu haben. Der Himmel hängt tief
über den Wäldern, und ein kalter Regen fällt ohne Unterlass auf die Wege und
Felder.

Heute erhielten wir den Befehl, ein abgelegenes Dorf nahe der Wälder
aufzusuchen und die Umgebung auszukundschaften. Man vermutet dort
versprengte Franzosen oder anderes Gesindel. Dennoch scheint mir, als
verschweige man uns etwas. Die Bauern, denen wir begegneten, wollten kaum
sprechen. Einer von ihnen bekreuzigte sich sogar, als unser Ziel erwähnt wurde,
und sah dabei aus, als hätte er einen Geist erblickt. Es mag törichter Aberglaube
sein, wie man ihn hier auf dem Land häufig antrifft, doch ich gestehe Dir offen, dass
mir seitdem ein sonderbares Unbehagen geblieben ist.

Unser Kommando führt Leutnant von Falkenberg. Ich glaube nicht, jemals
einem Offizier seines Schlages begegnet zu sein. Er ist ein stiller und sehr
gebildeter Mann, stets höflich und von großer Beherrschung. Selbst im Regen und
Schmutz wirkt er beinahe, als gehöre er nicht recht in diesen Krieg. Die Männer
vertrauen ihm, weil er niemals laut wird und auch in schwierigen Augenblicken eine
merkwürdige Ruhe bewahrt. 

Und doch meine ich manchmal, dass selbst Herr von Falkenberg heute
nachdenklicher wirkt als gewöhnlich. Vorhin stand er lange schweigend am
Waldrand und blickte hinüber zu den dunklen Hügeln, hinter denen unser Ziel
liegen soll. Vielleicht bilde ich mir dies nur ein. Der Krieg macht einen empfänglich
für düstere Gedanken.

Bald brechen wir auf. Sollte Gott gnädig sein, werde ich Dir schon in wenigen
Tagen wieder schreiben. Bis dahin trage ich Dein Bild bei mir und denke in jeder
stillen Stunde an unser gemeinsames Zuhause.

In treuer Liebe
Dein Wilhelm Müller

Anmerkung:
Der Brief sowie das beiliegende Lichtbild wurde im November 1870 von Forstarbeitern nahe der elsässische Grenze aufgefunden. Die Gegenstände lagen zwischen Laub und verwitterten Textilfetzen.



Das Buch von Saint-Vigile

  November 1872 Es rann in dünnen Fäden über die schmutzigen Fensterscheiben der billigen Schenke. In einer dunklen Ecke saß ein junger Elsä...