Oktober 1870.
Der kalte Regen fiel über das Elsass wie ein düsteres Omen, schwer und lautlos, als kündige er ein namenloses Unheil an. Mit ruhigen und entschlossenen Augen führte Leutnant Viktor von Falkenberg seine zwölf Mann zu Fuß durch den schlammigen Pfad nach Saint-Loup. Sein dunkles Haar war sorgfältig unter der Pickelhaube zurückgekämmt, die Uniform trotz des Drecks noch immer von strenger Autorität erfüllt. Er sprach leise und höflich wie ein Mann, dessen Seele aus Lyrik und preußischem Stahl bestand.
„Dorf voraus“, meldete Unteroffizier Müller gedämpft. „Sieht verlassen aus.“
„Formation halten, Bajonette auf und keine unnötigen Geräusche“, antwortete Falkenberg
ruhig.
Die Männer stapften in die enge Gasse. Die Häuser lehnten sich schief aneinander, ihre Fenster offen und schwarz wie leere Augenhöhlen. Ein schwerer, süßlich-fauliger Geruch hing reglos in der Luft. Kein Laut war zu hören außer dem monotonen Tropfen des Regens auf dem schlammigen Boden. Beim Durchsuchen der ersten Gebäude nach möglichen Feinden machten die Männer einen makabren Fund. In einer der Stuben lagen die aufgerissenen und halb gefressenen Leichen einer Familie. Die Männer verstummten sofort, manche bekreuzigten sich hastig.
„Weiter“, sagte Falkenberg. „Wir sind nicht hier, um zu beten.“
Falkenberg teilte die Männer in kleine Gruppen auf, er selbst blieb in der Mitte der Gasse stehen, Pistole und Säbel griffbereit. Die Ersten, die verschwanden, waren Krause und Roth, als sie zum Stall gingen. Es gab nur ein kurzes Scharren, dumpf und hastig, dann verschlang die Stille jedes weitere Geräusch. Dann folgte der Nächste, als Westhuus aus dem Backhaus aufschrie. Die Männer rissen die Tür auf, doch dort lag nur noch ein blutiger Stiefel und eine Spur schwarzer Flecken, die nach Verwesung rochen. Die Soldaten wurden nervös und manche begannen lauter zu sprechen, als wollten sie die bedrückende Stille vertreiben. Falkenberg hob nur ruhig die Hand, um sie zu unterbrechen.
„Ruhig bleiben, meine Herren. Durchsucht das Dorf weiter und meldet sofort jede
Unstimmigkeit.“
Die Männer befolgten seine Befehle, doch einer nach dem anderen verschwand. Mal vernahm man ein ersticktes Gurgeln aus einem Keller, mal fand man nur einen leeren Helm, der verlassen in einer reglosen Pfütze trieb. Das Dorf schien die Männer lautlos zu verschlingen, während der Regen in dünnen Fäden über die Dächer rann und sich in schlammigen Pfützen sammelte. Falkenberg bewegte sich langsam durch die Gasse, jeder Schritt kontrolliert, jeder Blick wachsam. Von den zwölf Männern waren nur noch vier übrig. Unteroffizier Müller hielt sein Gewehr so fest, dass seine Hände zitterten. Dann erklang die Glocke der kleinen Dorfkapelle mit einem einzelnen tiefen und hohlen Schlag.
„Herr Leutnant…“, flüsterte Müller. „Die Kapelle war doch leer.“
Falkenberg antwortete nicht sofort. Sein Blick ruhte auf dem dunklen Gebäude am Ende des Platzes.
„Wir sehen nach“, sagte er schließlich ruhig.
Die verbliebenen Soldaten folgten ihm widerwillig über den Platz. Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen der Geruch nach Moder und altem Blut entgegen. Das fahle Licht ihrer Laternen glitt über verwitterte Heiligenfiguren, deren Gesichter vom Schimmel zerfressen waren. Wasser tropfte irgendwo in der Dunkelheit in gleichmäßigem Rhythmus auf irgendeinen Stein. Falkenberg trat zuerst ein, hinter ihm folgten Müller, Weber und der junge Gefreite Adler, dessen bleiches Gesicht kaum älter wirkte als das eines Schuljungen. Die Tür fiel hinter ihnen langsam ins Schloss.
Adler fuhr herum. „Herr Gott…“
„Still“, befahl Falkenberg scharf.
Der Innenraum der kleinen Kapelle war schmal und niedrig. Die Bänke standen schief, manche umgestürzt, als hätte hier eine panische Flucht stattgefunden.
„Laterne vor“, befahl er mit ruhiger Stimme.
Die Laterne warf ihr zitterndes Licht über dunkle, nasse Schleifspuren am Boden. Falkenberg ging voran, die Pistole in der einen, den Säbel in der anderen Hand. Müller und Weber folgten dichtauf, Adler bildete den Schluss, sein Atem ging stoßweise und viel zu laut. In einem Nebenraum befand sich ein schmaler, steinerner Abgang in die Tiefe. Die Stufen waren ausgetreten, die Wände mit schwarzem Schimmel überzogen. Der Geruch wurde stärker, süßlich, wie altes Fleisch, das zu lange in der Wärme gelegen hatte.
„Herr Leutnant, das ist kein Keller…“, flüsterte Müller. Seine Stimme brach.
„Weiter“, antwortete Falkenberg nur.
Sie stiegen hinab. Das Tropfen des Wassers wurde lauter, vermischte sich mit einem anderen, feuchteren Laut, ein leises Schmatzen und ein Knirschen von Knochen unter Zähnen. Am Fuß der Treppe lag der Rest von Krause. Oder das, was einmal Krause gewesen war. Die Uniform war aufgerissen, als hätte etwas Großes und Geduldiges ihn in aller Ruhe ausgeweidet. Im selben Augenblick schoss etwas aus der Dunkelheit hervor. Es gab keinen Schrei oder Brüllen, nur ein rasches, nasses Gleiten. Es packte Weber an den Beinen und zog ihn rückwärts in einen Seitengang. Er hatte noch Zeit für einen halben Schrei, dann war er fort. Müller feuerte einen ohrenbetäubenden Schuss in das enge Gewölbe. Für einen
Sekundenbruchteil beleuchtete das Mündungsfeuer etwas Großes, Bleiches, das sich auf zwei Gliedmaßen bewegte. Dann war es wieder verschwunden.
„Zurück!“, rief Falkenberg.
Seine Stimme klang ruhig und fast höflich, als riefe er Übungsbefehle auf einem Kasernenhof. Adler drehte sich um und rannte. Er kam drei Schritte weit. Etwas fiel von der Decke herab, lang und dünn wie ein nasser Vorhang. Es wickelte sich um seinen Hals und riss ihn nach
oben. Der Junge strampelte noch einmal, dann knackte es leise, und er hing still. Nur noch Müller und Falkenberg. Sie stürmten die Treppe hinauf. Müller erreichte die Tür der Kapelle als Erster.
oben. Der Junge strampelte noch einmal, dann knackte es leise, und er hing still. Nur noch Müller und Falkenberg. Sie stürmten die Treppe hinauf. Müller erreichte die Tür der Kapelle als Erster.
„Herr Leutnant…“ Müllers Augen waren weit aufgerissen. „Die Tür ist verriegelt... Es will uns hier unten haben.“
Falkenberg antwortete nicht. Er trat neben ihn, hob die Pistole und schoss zweimal in das
Schloss. Splitter flogen. Beim dritten Schuss sprang die Tür einen Spalt auf. Etwas kam rasselnd die Treppe herauf. Müller drehte sich um und feuerte sein Gewehr ab, einmal, zweimal. Dann traf ihn ein Hieb, der ihn gegen die Wand schleuderte. Sein Kopf schlug mit einem nassen Laut auf Stein. Er rutschte langsam zu Boden, die Augen noch offen, aber leer. Falkenberg stand allein. Er sah es jetzt deutlich, etwas Altes, das im Elsass gewartet hatte, lange vor den Franzosen und den Preußen. Es hätte ein Mensch sein können, doch es hatte bleiche, feuchte Haut mit zu viele Gelenke. Falkenberg hob seinen Säbel. Die Klinge blitzte im Laternenlicht, als der erste Hieb eines der Gliedmaßen abtrennte. Schwarzes, zähes Blut spritzte, als das Wesen zischen auf den Leutnant sprang. Falkenberg spürte, wie etwas Scharfes seine Seite aufriss, tief bis auf die Rippen. Er entleerte seine Pistole in das Gesicht des Dings, drehte sich um und warf sich gegen die Tür.
Er taumelte hinaus in den Regen. Hinter ihm drang ein Kreischen aus der Kapelle, hoch
und unmenschlich. Falkenberg rannte nicht. Er ging, Schritt für Schritt, die Hand auf die
blutende Wunde gepresst. Der Säbel hing schlaff in seiner Rechten, die Spitze zog eine dünne Furche durch den Schlamm. Hinter ihm verstummte das Dorf wieder. Nur der Regen fiel weiter, schwer und lautlos. Am Rand von Saint-Loup, wo der Pfad in den Wald führte, brach Leutnant Viktor von Falkenberg in die Knie. Sein dunkles Haar klebte ihm im Gesicht, die Pickelhaube war längst verloren. Blut rann ihm zwischen den Fingern hindurch und mischte sich mit dem Regenwasser.
Mit ruhigen, entschlossenen Augen starrte er zurück auf die dunklen Häuser, deren Fenster wie leere Augenhöhlen waren. Dann stand er langsam auf, wischte den Säbel am Ärmel ab und setzte seinen Weg fort, allein, durch den kalten Oktoberregen.

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